Erinnerungen an Arno Hermann Müller (25.08.1916 - 11.04.2004)

von Jörg Schneider, Harald Walter & Peter Jordan, Freiberg

Am Ostersonntag, dem 11.04.2004, starb ohne zu leiden Prof. em. Dr. rer. nat. habil. ARNO HERMANN MÜLLER, der "A.H.", wie wir - seine ehemaligen Studenten - ihn nannten. Er war einer der letzten "Dinosaurier der Paläontologie", wie er sich selbst in seinen letzten Jahren mit schmunzelnder Ironie bezeichnete. Er bezog dies auf das Alter seiner Generation, die nach dem Kriege, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, lehrte und forschte. Wir, seine Schüler und Freunde, bezogen es auf seine immense Leistungsfähigkeit, sein fachübergreifendes Wissen und seine große Seele. A.H. konnte herzhaft laut lachen aber auch ebenso laut seinen Unmut bekunden. Niemals jedoch war das Donnerwetter (Originalton A.H.: "Supernova") auf eine Person gerichtet, es war immer eine Parabel auf die Unzulänglichkeiten der Zeiten. Und wer es ausgelöst hatte, wusste schon Bescheid. Spätestens eine halbe Stunde später stand er wieder da: "Schwamm drüber, meine Herren. Nach einem Gewitter scheint die Sonne um so schöner." Das tat sie dann auch. Höchstes Lob war der "Ritterschlag", wie wir es nannten, ein sehr herzhafter Handschlag auf die Schulter: "Gut gemacht". Seinen Doktoranden ließ er alle Freiheit: "Machen Sie´s, wie Sie´s für richtig halten, machen Sie´s ökonomisch. Wenn was schief geht, stelle ich mich vor Sie." Das tat er dann auch, zuverlässigst. Er redete in nichts hinein, diskutierte aber gern über alles, anregend, Ziele weisend, enorm belesen. Wichtig war ihm, kritisch und in Alternativen zu denken: "Suchen Sie die andere Seite der Medaille!" Er ordnete wenig an und dennoch wusste er auf eine nie ergründete Weise mitzuteilen, was wann zu tun war - und man glaubte, es aus sich heraus zu tun und tat es gern. Es gab eigentlich nur eine wirklich strikte Anweisung, freitags: "Bringen Sie ihrer Frau am Wochenende Blumen mit! Die Frauen sind das wichtigste, was wir haben - sie halten uns den Rücken frei." Und er fragte am Montag nach. Wer ihn nicht näher kannte, den betont aufrecht gehenden, meist in knappen Sätzen redenden und oft nachdenklich-verschlossen wirkenden Professor, wird es nicht vermutet haben - A.H. war sehr weichherzig und anrührend kinderlieb. Er hatte ja selbst eine Schar davon. Wenn einer der Assistenten oder Doktoranden seine Kinder mit in das Institut brachte und er den Schopf der Kleinen wuscheln konnte, wurden ihm die Augen feucht. Und irgendwo fand er im Schreibtischfach wühlend Bonbons. Wir wussten bis nach seinem Tode wenig von seiner durch den Kriegsdienst und schwere Verwundungen angeschlagenen Gesundheit. Wir kannten ihn nur energisch, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, kerzengrade wie einen Ladestock, für einen Thüringer ziemlich preußisch. Seine Frau, eine beliebte Freiberger Kinderärztin, hat ihn gehegt und gepflegt. Er hat nie eine Vorlesung ausfallen lassen, wegen Unpässlichkeit schon gar nicht. Einmal nur war er sehr angegriffen und hat dennoch eine Diplomprüfung abgenommen. Auf seine Weise: die Prüfungskommission und der Diplomand in seiner Wohnung und er auf der Couch liegend - natürlich in Anzug und mit Krawatte. Vorträge, auf Tagungen hat er wegen seiner kriegsbedingten Schwerhörigkeit und der Befürchtung, anschließende Fragen verbal nicht zu verstehen, zunehmend gemieden. Leider. Denn seine Vorlesungen waren begeisternd - ein zügiger, inhaltsreich gedrängter, bildhafter Vortrag, Salven von Dias und schwungvolle Zeichnungen an der Tafel. Und wenn die Studenten ob des Tempos zu erschlaffen drohten, wurde, den Zeigestock geschultert, im Hörsaal auf- und abschreitend, eine gute Story eingestreut ...

ARNO HERMANN MÜLLER, geboren am 25.08.1916 in Erfurt, verbrachte als Sohn eines Försters und einer überaus naturverbundenen Mutter seine Kindheit in Reichmannsdorf bei Meura südwestlich Saalfeld im Thüringischen Schiefergebirge. Sein Vater ließ sich nach Luisenthal am Nordrand des Thüringer Waldes versetzen, um seinem Sohn den Besuch der Realschule in Ohrdruf zu ermöglichen. Der Lehrer JULIUS BÖTCHER, mit dem A.H. Ceratiten sammelte und - einen Strick um den Leib geschlungen - das Profil des Hauptmuschelkalkes in einem Erdfall bei Ohrdruf dokumentierte, hatte ein Feuer in ihm entfacht. 1936 erwarb er nach 13 Schuljahren das Abitur an der Oberrealschule in Gotha - morgens gegen 4 bis 5 Uhr auf und mit dem Fahrrad des Winters wie des Sommers in die ca. 30 km entfernte Schule. Es folgten ein halbes Jahr Arbeitsdienst und anschließend Wehrdienstpflicht bei der "motorisierten Artillerie" in Dresden. In Realität "bespannte Artillerie" - A.H.: "Ich hab als Abiturient in den Augen der Unteroffiziere die Pferde immer nur dreckiger gestriegelt und geputzt, als sie es vorher waren." Sein Vater ließ sich erneut versetzen, diesmal nach Buchfart nahe Jena, um seinem Sohn das Studium an der dortigen Universität zu ermöglichen. Nach nur einem Semester des ersehnten Geologie-Studiums 1938 folgte der Fronteinsatz in Frankreich und Russland, zuletzt in der Normandie. Von einem Genesungsurlaub nach schwerer Verwundung berichtet ein Vortragsverzeichnis des Geologischen Institutes Halle: Leutnant MÜLLER sprach über taphonomische Phänomene im Muschelkalk. Eine nassforsche Meldung "Müller, verhinderter Student" vor einem verständnisvollen Kommandeur brachte ihm ein Trimester-Studium in Halle bei dem von ihm bewunderten JOHANNES WEIGELT ein. Zurück an der Westfront, erzwang Hauptmann MÜLLER in den letzten Kriegstagen den von einem SS-Offizier verwehrten Leben-rettenden Rückzug seiner Kompanie über eine Flussbrücke: "Ich hab ihm die Pistole in die Fresse geschmissen, schießen konnte ich nicht ...".
Vorträge zur Geologie und Paläontologie in französischer Kriegsgefangenschaft von 1945 bis 1947 wurden ihm an der Universität Göttingen als ein Semester Studium angerechnet, so dass er bereits am 23.6.1948 bei HERMANN SCHMIDT in Göttingen zum Thema "Stratonomische Untersuchungen im Oberen Muschelkalk des Thüringer Beckens" promovieren konnte. Eine Arbeit, die erste Ansätze zu der sich in den siebziger Jahren entwickelnden Mikrofaziesanalyse der marinen Karbonate lieferte, einem heute unerlässlichen Werkzeug der Sedimentologie. Seit 1948 widmete er sich als Assistent bei SERGE VON BUBNOFF in Greifswald der Sedimentologie und Paläontologie der Norddeutschen Kreide. Mit seiner Habilitationsschrift "Grundlagen der Biostratonomie" (1950) schuf er, an JOHANNES WALTHER und an seinen hallenser Lehrer JOHANNES WEIGELT anknüpfend, eine erste Zusammenfassung dieser damals im Entstehen begriffenen Forschungsrichtung und zugleich eine Anleitung zur synthetischen geo- und biowissenschaftlichen Arbeit. 1951 erhielt er in Greifswald eine Dozentur für "Allgemeine Geologie, Angewandte Geologie und Paläontologie", zudem hielt er die Vorlesungen in Geophysik und Pleistozän-Geologie. Er war in dieser Zeit leidenschaftlicher Angler - um seine Familie zu ernähren und Ruhe zum Nachdenken zu haben. 1952 folgte er dem sehr ehrenhaften Ruf auf die HAECKEL-Professur an der Universität Jena, wo er außer Paläontologie auch Allgemeine und Historische Geologie sowie Geophysik lehrte. Lukrative Angebote der Shell-AG für einen Job als Prospektions-Geologe lehnte er ab. Sehr gereizt hat ihn eine Einladung von JACQUES COUSTEAU, an einer seiner Tauchexpeditionen teilzunehmen; leider vereitelt durch seine im Kriege infolge eines Granateneinschlages in unmittelbarer Nähe zerstörten Trommelfelle. 1957 übernahm A.H. MÜLLER einen Lehrauftrag als Gastprofessor an der Bergakademie Freiberg. Die Strecke Jena-Freiberg war für ihn, einen begeisterten und rasanten Autofahrer kein Problem, Zeit verlor er lediglich, wenn er den Parkplatz vergessen hatte, auf dem das Auto stand ... 1958 folgte er dem Ruf auf die Professur für Paläontologie an der Bergakademie Freiberg. In kurzer Zeit gelang es ihm, eine national und international renommierte Paläontologen-Schule mit zeitweise bis zu 5 Mitarbeitern bzw. Doktoranden, mit Labors und Lehrsammlungen aufzubauen. Freiberg bot ihm das stimulierende Umfeld und dazu eine reiche, von ihm bzw. seinen Mitarbeitern durch wichtige Regionalsammlungen ständig erweiterte paläontologische Sammlung, um das in Jena mit dem ersten Band begonnene Projekt eines umfassenden Lehrbuches der Paläozoologie zu realisieren. Die für dieses Lehrbuch aufgenommene weltweite wissenschaftliche Korrespondenz mit allen namhaften Paläobiologen dieser Zeit trug erheblich zum internationalen Ruf der Bergakademie Freiberg bei. Bereits 1968 wurde jedoch die 3. Hochschulreform der DDR durch missgünstige "Kollegen" benutzt, um seine Arbeitsgruppe aufzulösen, die Mitarbeiter schrittweise zu entlassen. Als der ehemalige Diplomand von A.H. MÜLLER, Dr. R. WIENHOLZ, zuvor Direktor des Erdölforschungsinstitutes Gommern, 1972 eine Professur an der Bergakademie annahm und kurz darauf auch die Leitung des Geologischen Institutes übernahm, begann ein neuer Aufschwung. Nach Jahren der Behinderungen und zeitweilig ohne jeglichen Mitarbeiter konnte A.H. eine neue Arbeitsgruppe aufbauen, die er bis zur Emeritierung 1981 leitete. Von R. WIENHOLZ vermittelte Aufträge zur paläontologisch-biostratigraphischen Grundlagenforschung für die Erdölindustrie der DDR und zur Biostratigraphie des Altpaläozoikums für das damalige Zentrale Geologische Institut der DDR (ZGI), brachten Gelder und Doktoranden-Stellen. Bis in die letzten Wochen seines Lebens nahm er durch engen Kontakt zu seinen Schülern mit interessierter Nachfrage und freundlichem Zuspruch Anteil an Lehre und Forschung.
Sein siebenteiliges "Lehrbuch der Paläozoologie", das klassische deutschsprachige Lehrwerk dieses Fachgebietes, seit 1958 bis 1994 in z.T. fünfter, jeweils erweiterter Auflage erschienen, ist in jeder geo- und biowissenschaftlichen Bibliothek zu finden. Es hat Generationen von Geowissenschaftlern im In- und Ausland zur Ausbildung gedient - als Handbuch und einzigartiges Kompendium des Kenntnisstandes in der Paläozoologie wie auch als vorzügliche Vorlage zum Aufbau von Vorlesungen. Daneben hat er sich mit über 200 Publikationen einem breiten Spektrum geologischer und paläontologischer Themen zugewandt. Fasziniert haben ihn Phänomene in der Evolution der Organismen. Seine Ideen zum "Großablauf der Stammesgeschichte" (1955) bzw. seine Theorien zu den "Ablaufformen der stammesgeschichtlichen Entwicklung" (ab 1956), in denen er endogene transspezifische Faktoren der Evolution diskutiert, brachten ihm zunächst vor allem in der DDR den Ruf eines Mystikers ein. Dessen ungeachtet ließ er nicht von der Untersuchung dieser Phänomene und ihrer Publikation. Mitte der siebziger Jahre veröffentlichte er eine neue phylogenetische Regel - die phasenhafte Verlagerung der Formenmaxima in der Evolution von Tiergruppen. Diese "Formenmaxima-Regel" oder "MÜLLERsche Regel" ist mit dem deutschen Begriff "Großablauf" in die englischsprachige Terminologie der modernen Phylogenie eingegangen. Weitere Ansätze zum Verständnis von Prozessen in der Phylogenie bieten der von ihm beschriebene "Prologismus" (1976, 1980), d.h. die ontogenetische Prädisposition von Merkmalen phylo(morpho)genetischer Deszendenten sowie seine Untersuchungen zur Determiniertheit spiraler Strukturen in der Anatomie von Organismen (1971 - 1984). Fasziniert haben ihn bis in seine letzten Tage Gen-Mutationen - sie könnten die Erklärung für einige der von ihm beschriebenen Phänomene liefern. Sein in Freiberg entstandenes Wissenschaftskonzept, die Synthese von disziplinärer paläobiologischer Grundlagenforschung und angewandter geowissenschaftlicher Forschung, ist zugleich der Leitgedanke der von ihm begründeten Paläontologie-Reihe der Freiberger Forschungshefte, eine der wenigen ostdeutschen Instituts-Zeitschriften, die über die Wende hinweg kontinuierlich und mit zunehmender internationaler Autorenschaft weiter erscheint.
Persönliche Integrität sowie sein Ruf als Wissenschaftler und Hochschullehrer führten zu seiner Aufnahme als Ordentliches Mitglied in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina (1965) sowie in die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1967). In der DDR wurde seiner wissenschaftlichen Leistung Akzeptanz mit einem "Nationalpreis 3. Klasse" gewährt, verdiente Anerkennung fand er 1981 mit der Aufnahme als Korrespondierendes Mitglied in die Österreichische Akademie der Wissenschaften sowie 1989 mit der Ehrenmitgliedschaft in der Deutschen Paläontologischen Gesellschaft. Seine Verdienste um die Paläontologie in Deutschland wurden 1992 mit dem "Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" geehrt. Im Herbst des Jahres 2003, wenige Monate vor seinem unerwarteten Tode, verlieh ihm die TU Bergakademie Freiberg die Würde eines Ehrensenators. Zitate aus der Laudatio: "in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste für die moderne bio- und geowissenschaftliche Entwicklung der Paläontologie in Deutschland sowie für den internationalen Ruf von Forschung und Ausbildung an der TU Bergakademie Freiberg", als einen Hochschullehrer, der "das Bild unserer Hochschule nicht nur in Deutschland bis zur Wiedervereinigung wachgehalten und damit ihre rasche Positionierung in der deutschen Hochschullandschaft mit vorbereitet hat", "als Wissenschaftler und Lehrer, der Generationen von Geowissenschaftlern in Deutschland geprägt hat. Wir würdigen ihn als integren, aufrechten und offenherzigen Menschen."

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