tauchen
Nasse Forscher
An der Universität Freiberg lernen
Studenten, wie man wissenschaftlich taucht
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Foto: Klaus Kallabis |
Eigentlich lebt er in den Küstengewässern der indonesischen
Inselwelt: der magische Octopus, einer der einfallsreichsten Überlebenskünstler.
Wie ein Phantom ändert dieser Krake sein Aussehen, imitiert andere
Tiere. Einen hoch giftigen Feuerfisch, der gelassen seine Kreise zieht,
oder eine Flunder, die über den Meeresboden huscht. Aber heute ist alles
anders. Heute liegt der Octopus unbeweglich in 3,80 Meter Tiefe auf dem Grund
des Sprungbeckens im Johannisbad Freiberg, Sachsen. Falls sein Grün Tarnung
sein soll, handelt es sich um eine Fehleinschätzung angesichts der strahlend
blauen Kacheln im Bassin unter freiem Himmel.
Im Beobachter reift die Erkenntnis, dass dieser
Octopus tot ist, genauer gesagt: aus Gummi. Er ist ein Übungs- und in diesem
Fall ein Foto-Objekt für Mandy Schipek. Die 21-Jährige mit den kurzen, roten
Haaren nähert sich ihm in ihrem schwarzen Taucheranzug. Sie schwebt über ihm,
kurz danach mischt sich ein Blitzlicht in die Reflexionen der Abendsonne an der
Wasseroberfläche. Das wäre im Kasten, Mandy Schipek taucht auf. „Einfach ist
das Fotografieren unter Wasser nicht. Alles wirkt größer. Geht man zu weit weg,
dann ist alles nur noch blau“, erklärt die Studentin der TU Bergakademie
Freiberg.
Mandy Schipek wirkt an diesem Sommerabend wie ein
Routinier unter Routiniers. 20 junge Menschen legen in aller Ruhe ihre
Tauchausrüstung an und steigen ins 19,5 Grad warme Wasser. Einer hat ein
olivgrünes T-Shirt an mit der Aufschrift „Dive
now, work later“. Der Eindruck täuscht: Es geht um das Arbeiten
beim Tauchen, und die Taucher im Wasser lernen noch. Sie sind Studenten, die
den Kurs Wissenschaftliches Tauchen im Studium Generale der kleinen sächsischen
Hochschule belegt haben. Sie studieren Geologie oder Hydrologie, Biologie oder
Archäometrie, aber auch Betriebswirtschaftslehre, Informatik oder
Verfahrenstechnik.
Für die einen ist es eine Zusatzqualifikation, die
Sinn macht für ihr Studium. Tauchende Biologen können zum Beispiel
Wasserverschmutzungen untersuchen, Archäometriker Funde aus versunkenen Städten
analysieren. Für die anderen stehe eher die „mentale Komponente“ im
Vordergrund, sagt der Hydrogeologie-Professor Broder Merkel, Dekan der
Freiberger Fakultät für Geowissenschaften. „Das wissenschaftliche Tauchen
erfordert Überwindung und fördert den Teamgedanken, formt also die
Persönlichkeit.“
Im Wasser befindet sich derweil ein unbekanntes
Tauchobjekt, eine ein mal ein Meter große
Stahlkonstruktion. Im Abstand von 10 Zentimetern sind darin Fäden gespannt,
quer wie längs. „Es entstehen sozusagen Planquadrate. Legt man unser Gitter
über ein Untersuchungsobjekt, kann man es maßstabsgerecht abzeichnen“, erläutert
die Sportlehrerin Elke Eckardt das Utensil „Marke Eigenbau“.
Die Studenten lernen nicht nur, Objekte zu
dokumentieren, sondern auch, unter Wasser zu kommunizieren und Messungen
durchzuführen. Seit 1997 gibt es das Wissenschaftliche Tauchen an der TU. Im
Semester umfasst es drei Theorie-Einheiten, 15 praktische Übungen im Schwimmbad
und Wochenend-Tauchcamps an sächsischen Seen. Tauchen müssen die 20 Teilnehmer
schon können – die meisten von ihnen haben ein Semester zuvor einen Grundkurs
besucht. Zehn Studenten nehmen in der zweiten Septemberhälfte an einer von
Merkel geleiteten Exkursion nach Kroatien teil.
Auch Felix Heinicke wird dabei sein. Jetzt friert
er gerade am Beckenrand. Er hatte sich gegen den Neoprenanzug entschieden, die
Badehose sollte reichen. Der 20-Jährige packt die Sonde wieder ein, mit der er
geübt hat. „Sie misst Temperatur, pH-Wert, Leitfähigkeit,
Sauerstoffkonzentration und Salzgehalt des Wassers“, erklärt der Student der
Verfahrenstechnik. In Kroatien will er Temperaturfelder messen. Die kroatische
Adria wird natürlich anders sein als das sächsische Johanniswasser. „Das
Hantieren mit dem Gitter beispielsweise ist schon im Becken nicht einfach. Aber
im Meer kommt noch die Strömung dazu, da muss man ständig paddeln und
verbraucht zusätzlich Luft“, kündigt Broder Merkel an. Die Studenten müssen
sich für die Exkursion ein Projekt ausdenken und es umsetzen. Unter Wasser
forschen, an Land auswerten.
Im nassen Element geschieht alles unter den
wachsamen Augen des Tauchlehrers Thomas Pohl. Er will, dass die Teilnehmer ihr
Fachwissen unter Wasser anwenden können. „Das ist nicht zu verwechseln mit dem
Forschungstauchen“, betont Pohl. „Ein Forschungstaucher ist ein gewerblicher
Taucher, der nach den Regeln der Berufsgenossenschaft taucht, mit anderer
Technik, ganz bestimmten Aufgaben und nach einer besonderen Ausbildung.“
240 Stunden umfasst diese Ausbildung. Sie endet
mit einer harten Prüfung. Sie ist teuer. Mandy Schipek weiß das. Dennoch: Seit
sie vor einem Jahr mit dem Tauchen anfing, denkt sie daran, Forschungstaucherin
zu werden. Ihre grünen Augen leuchten, wenn sie von ihrer Leidenschaft erzählt,
ihrer eigenen Ausrüstung und der bevorstehenden Kartierung eines Wracks in
Kroatien.
Doch erst mal bleibt es für die angehende
Geoökologin beim wissenschaftlichen Tauchen. Von dem, was sie dort erfährt,
profitiert sie auch bei ihrem Studium. „Wenn in meinen Vorlesungen von
Sulfatreduzierern die Rede ist, dann hab ich so was schon gesehen, dann weiß
ich, dass diese Bakterien aussehen wie weißer Flaum.“ Und das Üben im Freibad
sei zwar mitunter langweilig, aber nicht albern. Nicht mal mit Gummitieren.
„Man kann ja keine echten Fische reinsetzen, die würden’s kaum überleben.“
http://www.zeit.de/2003/38/C-Tauchen